Eine 300-jährige Ideengeschichte über die Ökonomisierung der Natur — und was sie für heutige Naturkapitalmärkte bedeutet.
“In barely three decades, ecosystem functions became tradable commodities.”
— Gómez-Baggethun et al., Ecological Economics, 2009
Natur als Produktionsfaktor — die klassische Ökonomie
Als Adam Smith 1776 seinen Wohlstand der Nationen schrieb, war Boden selbstverständlich ein zentraler Faktor der Wirtschaft. Für die Physiokraten — Quesnay voran — war die Erde sogar die einzige Quelle allen Reichtums. Auch Ricardo und Mill erkannten Land als eigene Kategorie an, die sich von Kapital und Arbeit grundlegend unterscheidet: nicht vermehrbar, nicht herstellbar, der Gesellschaft als Ganzes geschenkt.
Was diese frühen Ökonomen nicht taten: Sie quantifizierten die nicht-landwirtschaftlichen Leistungen der Natur — sauberes Wasser, Bestäubung, Klimaregulation — in Geldwerten. Diese Leistungen galten als selbstverständlich, weil sie schlicht vorhanden waren.
Das Verschwinden der Natur aus der Ökonomie (1870–1970)
Mit der neoklassischen Revolution verschwand Land als eigene Kategorie. Marshall, Walras und Jevons fassten Boden einfach unter „Kapital“ zusammen. Die Ökonomie wandte sich Gleichgewichtsmodellen zu — abstrakt, mathematisch, und ohne Platz für die biophysischen Grenzen der Erde. Der Markt als universelles Allokationsinstrument für alles, was einen Preis hat. Was keinen Preis hat, zählt nicht.
Diese Epoche erzeugte eine folgenreiche Leerstelle: Hundert Jahre lang wurde in den führenden Lehrbüchern der Ökonomie so getan, als existierten Natur und ihre Leistungen nur als Rohstoffe — Holz, Kohle, Erde — nicht als systemische Infrastruktur des Lebens.
Die Rückkehr: Ökosystemleistungen als Begriff (1970er–1990er)
Erste Gegenstimmen kamen aus der Ökologie. 1977 fragte Walter Westman in Science: „How Much Are Nature’s Services Worth?“ — und verwendete dabei erstmals den Begriff „nature’s services“. 1981 prägten Paul Ehrlich und Anne Ehrlich den Begriff „ecosystem services“, um die breite Öffentlichkeit für die Folgen des Artenverlustes zu sensibilisieren.
Es war ein rhetorisches Werkzeug: Wenn man Natur in die Sprache der Ökonomie übersetzt, können Politiker und Investoren ihre Bedeutung verstehen. Kein moralisches Argument — ein pragmatisches.
Mainstreaming: Costanza 1997 und das Millennium Ecosystem Assessment
Der Durchbruch kam 1997 mit Robert Costanzas aufsehenerregendem Artikel in Nature: Er bewertete die globalen Ökosystemleistungen auf 33 Billionen US-Dollar pro Jahr — mehr als das damalige Welt-BIP. Die Zahl war methodisch umstritten, aber sie landete auf den Titelseiten. Natur hatte plötzlich eine Hausnummer.
2003–2005 folgte das von den Vereinten Nationen initiierte Millennium Ecosystem Assessment: die erste globale systematische Bestandsaufnahme des Zustands der Ökosysteme und ihrer Leistungen für den Menschen. Das MEA etablierte eine einflussreiche Taxonomie — Versorgungs-, Regulierungs-, Kultur- und Unterstützungsleistungen — die bis heute die Fachsprache prägt.
Von der Bewertung zum Markt: PES und MES
Mit der Etablierung des Konzepts entstand der nächste logische Schritt: Wenn Natur Wert hat, kann dieser Wert auch gehandelt werden. Payments for Ecosystem Services (PES) entstanden zunächst auf nationaler Ebene — Costa Rica ist das früheste und bekannteste Beispiel. Bald folgten internationale Kohlenstoffmärkte, Biodiversitäts-Offsets, Wasserqualitätszertifikate.
Heute spricht man von Mitigation und Ecosystem Services Markets (MES) — einem globalen Wachstumsmarkt, auf dem natürliche Prozesse als handelbare Assets strukturiert werden. Die Ökopunkt-Systeme in Deutschland und Österreich sind Teil dieser Entwicklung: gesetzlich verankert, methodisch standardisiert, finanziell interessant.
Werkzeug oder Ideologie?
Gómez-Baggethun und seine Mitautoren enden mit einer kritischen Frage: Ist die Ökonomisierung der Natur ein Werkzeug zum Schutz der Biodiversität — oder ist sie eine Ideologie, die Natur endgültig in einen Warenkorb verwandelt und damit ihren intrinsischen Wert unterminiert?
Ihre Antwort ist vorsichtig: Das Werkzeug kann funktionieren — aber nur, wenn es von robusten öffentlichen Institutionen eingebettet ist und nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zu regulatorischen Schutzmaßnahmen eingesetzt wird. Naturkapitalmärkte sind kein Freibrief für weiteren Verbrauch, sondern ein Finanzierungsmechanismus für Schutz und Wiederherstellung.
Für Grundstückseigentümer und Investoren, die heute in Ökopunkte investieren, ist diese Geschichte keine abstrakte akademische Übung. Sie zeigt, dass das, was heute wie ein Nischenmarkt aussieht, das Ergebnis einer 300-jährigen intellektuellen Entwicklung ist — und dass die institutionellen Weichen bereits gestellt sind.
Quelle: Gómez-Baggethun, E., de Groot, R., Lomas, P.L. & Montes, C. (2010). The history of ecosystem services in economic theory and practice: From early notions to markets and payment schemes. Ecological Economics, 69(6), 1209–1218.