Im Februar 2021 legte Partha Dasgupta der britischen Regierung einen Bericht vor, der die Ökonomie der Biodiversität neu denkt. Er ist das wichtigste wirtschaftswissenschaftliche Werk zur Natur seit dem Stern Review zum Klimawandel — und radikaler als er.

“Our economies are embedded in nature, not the other way round. Nature is our home. It is also our most precious asset.”

— Partha Dasgupta, The Economics of Biodiversity, 2021

Entstehung: Ein Stern Review für die Natur

Als der damalige britische Schatzkanzler Philip Hammond 2019 Sir Partha Dasgupta mit einer unabhängigen Überprüfung der Ökonomie der Biodiversität beauftragte, war das Ziel klar: Ein Werk, das für die Biodiversitätskrise leisten soll, was Nicholas Sterns Bericht 2006 für den Klimawandel geleistet hatte — die Übersetzung einer ökologischen Krise in die Sprache der Wirtschaft.

Das Ergebnis, im Februar 2021 veröffentlicht, übertraf die Erwartungen. Auf rund 600 Seiten entwickelt Dasgupta — Frank-Ramsey-Professor für Ökonomie in Cambridge, einer der einflussreichsten Ökonomen seiner Generation — eine vollständige Neuausrichtung des Verhältnisses zwischen Wirtschaft und Natur. Es ist kein Bericht mit Empfehlungslisten. Es ist ein ökonomisches Argument.

Die Kernthese: Wirtschaft als Teilsystem der Natur

Das zentrale Bild des Dasgupta Review ist radikal einfach: Die Volkswirtschaft ist kein System, dem die Natur als externer Faktor gegenübersteht. Die Volkswirtschaft ist ein Teilsystem der Natur. Sie ist in die Biosphäre eingebettet wie ein Organ in einen Körper — funktionsfähig nur, solange das Gesamtsystem intakt ist.

Diese scheinbar philosophische Aussage hat konkrete mathematische Konsequenzen. Dasgupta zeigt, dass das Bruttoinlandsprodukt — die dominante Messgröße wirtschaftlicher Leistung — systematisch falsch rechnet. Es erfasst den Wertschöpfungszuwachs durch Produktion, aber nicht den gleichzeitigen Werteverzehr natürlicher Bestände. Ein Bauer, der seinen Boden überdüngt und die Ernte steigert, erscheint im BIP als Wachstum. Der schleichende Verlust der Bodenfruchtbarkeit erscheint gar nicht.

Die drei Kapitalarten und die Lücke im Vermögen

Dasgupta unterscheidet drei Typen von Kapital, die zusammen den inklusiven Wohlstand einer Gesellschaft ausmachen:

  • Produziertes Kapital: Maschinen, Infrastruktur, Gebäude. Zwischen 1992 und 2014 hat es sich pro Kopf verdoppelt.
  • Humankapital: Wissen, Gesundheit, Fähigkeiten. Im gleichen Zeitraum um rund 13 % pro Kopf gestiegen.
  • Naturkapital: Ökosysteme, Biodiversität, Ressourcen. Zwischen 1992 und 2014 um rund 40 % pro Kopf gesunken.

Die Schlussfolgerung ist ernüchternd: Die Menschheit ist ärmer geworden — in dem Sinne, der für langfristige Wohlfahrt zählt. Wir haben produziertes Kapital und Humankapital aufgebaut, indem wir Naturkapital aufgebraucht haben. Dieser Tausch war nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch irrational.

Angebot und Nachfrage: Das Grundproblem

Dasgupta formuliert das zentrale Problem in einer Gleichung, die jeder Ökonom versteht: Wir fragen mehr von der Natur nach, als sie liefern kann. Nach Berechnungen des Global Footprint Network bräuchten wir bereits heute 1,6 Erden, um den globalen Ressourcenverbrauch nachhaltig zu decken. Wir beziehen den Überschuss aus dem Kapitalstock — also aus dem Naturvermögen selbst.

Das ist keine Metapher, sondern eine Bilanzfrage: Jede Überentnahme aus einem Ökosystem — Fischerei über das nachhaltige Limit, Grundwasserentnahme über die Neubildungsrate, Entwaldung über das Nachwachsen — ist ein Abbau des Kapitalstocks. Und anders als bei produziertem Kapital sind viele Verluste an Naturkapital irreversibel: Eine ausgestorbene Art kommt nicht zurück, ein zerstörtes Riff regeneriert sich über Jahrhunderte oder gar nicht.

Warum der Markt versagt: Preise und Institutionen

Dasgupta benennt zwei strukturelle Ursachen des Marktversagens:

Preisversagen: Ökosystemleistungen haben keinen Marktpreis, weil niemand Eigentumsrechte an sauberer Luft, Bestäubung oder Klimaregulation besitzt. Was keinen Preis hat, wird als kostenlos behandelt — und damit übermäßig in Anspruch genommen. Die externe Kosten des Naturverbrauchs werden sozialisiert, während die privaten Gewinne privatisiert werden.

Institutionenversagen: Staatliche Subventionen begünstigen naturzerstörende Aktivitäten massiv. Schätzungen zufolge fließen weltweit jährlich bis zu 4 bis 6 Billionen US-Dollar in Subventionen für fossile Brennstoffe, industrielle Landwirtschaft und Fischerei — Aktivitäten, die direkt auf Kosten des Naturkapitals gehen. Das ist eine negative Bepreisung der Natur auf Staatskosten.

Die Empfehlungen: Reform auf drei Ebenen

Dasgupta fordert keine kleinen Korrekturen. Er fordert systemische Reformen:

  • Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung: Das BIP muss durch Maße des inklusiven Wohlstands ergänzt werden, die Naturkapital erfassen und dessen Verzehr als Verlust buchen.
  • Finanzmarktreform: Zentralbanken und Finanzregulatoren sollen Naturrisiken systematisch in ihre Modelle integrieren. Schädliche Subventionen sollen abgebaut, private Finanzflüsse in naturpositive Investitionen umgelenkt werden.
  • Bildung und Governance: Ein grundlegend verändertes Verhältnis zur Natur — nicht mehr als Ressource, sondern als System, in dem wir leben — muss in Bildungsinhalte, politische Strukturen und internationale Zusammenarbeit einfließen.

Was das für Naturkapitalmärkte bedeutet

Der Dasgupta Review liefert die theoretische Grundlage dafür, warum Naturkapitalmärkte nicht nur möglich, sondern notwendig sind. Wenn Natur ein Kapitalstock ist, muss sein Erhalt und seine Mehrung wie jede andere Investition behandelt werden: kalkulierbar, finanzierbar, renditeträchtig.

Für Grundstückseigentümer bedeutet das konkret: Der ökologische Zustand einer Fläche ist nicht länger eine Nebensache, sondern ein Bilanzposten. Flächen, die Ökosystemleistungen erbringen — CO₂-Speicherung, Wasserreinigung, Bestäubung, Habitatfunktion — schaffen messbaren volkswirtschaftlichen Wert. Das Ökopunkte-System ist ein erster institutioneller Mechanismus, diesen Wert zu monetarisieren.

Die Frage ist nicht mehr ob Naturkapital einen finanziellen Wert hat. Die Frage ist, wie schnell die Institutionen — Regulatoren, Banken, Ratingagenturen, Märkte — diesen Wert in Preise übersetzen werden. Der Dasgupta Review hat den theoretischen Rahmen dafür geliefert. TNFD und das EU-Naturwiederherstellungsgesetz setzen ihn in regulatorische Praxis um.

Quelle: Dasgupta, P. (2021). The Economics of Biodiversity: The Dasgupta Review. HM Treasury, London. Vollständig verfügbar unter: gov.uk/dasgupta-review